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Inspiration vom "Motor" und "Couple"

Unterschiede müssen kein Hindernis in einer Beziehung darstellen, sondern können eine Bereicherung sein. So klang der Grundtenor im Podiumsgespräch mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Frankreichs ehemaligem Premierminister Manuel Valls zum Thema "res publica" an der Universität Stuttgart.
Alexandra Wolters | Juli 2017
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Foto: Universität Stuttgart/Uli Regenscheit
Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann beim deutsch-französischer Dialog über die Res publica.
"Die Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich ist eine Liebe aus Verschiedenheit." Mit diesen Worten erntete Ministerpräsident Winfried Kretschmann herzlichen Applaus von allen Reihen des gut gefüllten Tiefenhörsaals der Universität Stuttgart. Auch der französische Ex-Premier Manuel Valls klatschte Beifall und bezeugte seinem Dialogpartner eine gehörige Portion Pathos. Diese Eigenschaft vermisse er manchmal in der deutschen Politik, hatte Kretschmann zuvor gesagt, während Valls in Frankreich gerne mehr von der deutschen Stabilität und Kompromissfähigkeit sähe.

Die Atmosphäre zwischen den beiden Spitzenpolitikern wirkte entspannt und freundschaftlich. Dabei ging es bei der von der Robert Bosch Stiftung geförderten Veranstaltung im Rahmen des Wissenschaftsdialogs der DVA-Stiftung nicht nur um Lob und Vorteile der beiden politischen Systeme und des Republikanismus. Auch drängende Fragen standen im Raum: Wie kann man das Gemeinwesen und die Demokratie in Europa stärken? Wie können Franzosen und Deutsche den Herausforderungen in der EU gemeinsam begegnen?
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Foto: Universität Stuttgart/Uli Regenscheit
Der ehemalige französische Premierminister Manuel Valls.

"So ein Austausch stärkt das europäische Gefühl der Einheit"

"Zurzeit werden in Europa die Demokratie und das Gemeinwesen von vielen in Frage gestellt. Wir müssen versuchen, darauf Antworten zu finden und ein Zugehörigkeitsgefühl zu stiften", erklärte Manuel Valls und nannte die gerade an Elan und Bedeutung gewonnene deutsch-französische Freundschaft als Beispiel für eine gute Beziehung zwischen unterschiedlichen Systemen. Die gemeinsamen Werte seien der Schlüssel dafür, waren sich beide Politiker sicher.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten zeigten sich auch im Publikum. Unter den knapp 300 Teilnehmern waren Schüler, Studierende, aber auch viele ältere Semester. Manche lauschten per Kopfhörer den Übersetzern, andere verstanden beide Sprachen. Gemeinsam zeigten alle großes Interesse an der Diskussion. "So ein Austausch stärkt das europäische Gefühl der Einheit", empfand eine Schülerin. Gerade in der aktuellen Situation gewinne die deutsch-französische Freundschaft noch mehr Bedeutung.

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Foto: Universität Stuttgart/Uli Regenscheit
Rund 300 Gäste verfolgten die Podiumsdiskussion an der Universität Stuttgart.

Plädoyer für einen "zivilisierten Streit"

"Ergreifen wir den Moment als Riesenchance, unserer Verantwortung gerecht zu werden und das Projekt Europa gemeinsam zu stemmen", forderte dann auch Manuel Valls. Wirtschaft, Reformen, Nachhaltigkeit und Klimawandel seien die zentralen Baustellen, auf die Deutschland und Frankreich ganz Europa mitziehen müssten. "Bei uns spricht man bei der deutsch-französischen Beziehung immer von "Couple". In Deutschland sagt man, diese Beziehung sei Europas "Motor". Vielleicht können wir das, die Leidenschaft und Antriebskraft, zusammenbringen."

Ähnlich sah es der baden-württembergische Ministerpräsident. Man müsse sich gegenseitig begeistern und inspirieren. Dafür seien solche Dialoge, aber auch die vielen kleinen Begegnungen und Projekte zwischen Schülern und Studierenden, Partnerstädten und Forschern enorm wichtig. "Die res publica, die gemeinsame Sache aller, ist einer der ältesten und wichtigsten Begriffe des politischen Denkens Europas." Doch was hält eine Gesellschaft heute zusammen, was ist ihr Kitt? "Dazu habe ich eine einfache These", beendete Kretschmann die Diskussion. "Ein zivilisierter Streit und Austausch hält die Gesellschaft zusammen, ein unzivilisierter treibt sie auseinander."

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