Pressemeldungen 2017
Pressemitteilung

Innehalten, kritisch reflektieren und Banden bilden - Kreative europäische Stimmen zu Gast im Denkraum Europa21

  • Der anstehende Brexit, die sogenannte "Flüchtlingskrise" und das Erstarken neonationaler und antidemokratischer Kräfte nähren die Sorge vor dem Auseinanderdriften von Gesellschaften und Nationen innerhalb Europas. Wie wir sehen, sind Kulturschaffende, Journalisten und Wissenschaftler von diesen Entwicklungen oft direkt betroffen, ihre Arbeiten werden eingeschränkt, ihre Stimmen nicht selten zum Schweigen gebracht. Im Programmschwerpunkt "Europa21" der Robert Bosch Stiftung und der Leipziger Buchmesse erhalten europäische kritische Denker*innen vom 23. bis 26. März 2017 daher einen Raum, um ihre Vorstellungen von einer europäischen Gesellschaft von morgen zur Diskussion zu stellen.

Leipzig, 21. Februar 2017 - "Wir sind besorgt darüber, wie viel Zulauf populistische Bewegungen in Deutschland und in anderen Ländern Europas erleben. Gleichzeitig ziehen sich viele Menschen zurück und sind für einen sachlichen Diskurs über gesellschaftliche Herausforderungen nicht mehr erreichbar", sagt Dr. Joachim Rogall, Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung. "Mit dem Denkraum zu Europa21 auf der Leipziger Buchmesse wollen wir dieser Abschottung etwas entgegensetzen und einen Raum für den offenen, konstruktiven Austausch über die Zukunft unseres Kontinents schaffen."

Stimmen aus Europa für Europa

Unter der Überschrift "WIR in Europa - Wofür wollen wir einstehen?" kommen an vier Tagen Kulturschaffende und Wissenschaftler in Salongesprächen, einem interaktiven Theaterabend und einer Performance zu Wort, die populistische Tendenzen auf dem Kontinent nicht schweigend hinnehmen, selbst wenn sie damit unter politischen Druck geraten.

"Wenn wir die Entwicklungen des letzten Jahres beobachten, könnte man sagen, wir leben in einer Zeit, die in die Geschichtsbücher eingehen wird: Eine Zeit, in der unsere Generation aufgefordert war, für die Gesellschaft, die wir sein wollen, auch einzustehen. Deshalb habe ich in diesem Jahr dem Denkraum Europa21 den Titel gegeben: WIR in Europa - Wofür wollen wir einstehen?", sagt Esra Kücük Kuratorin des Schwerpunkts Europa21 und Leiterin des Gorki Forums am Berliner Maxim Gorki Theater.

Zentrum des Dialoges über die Zukunft Europas ist der Salon E-U-R-O-P-A mit sechs Salongesprächen an vier Messetagen im Café Europa (Halle 4, E401). Idil Baydar, laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Augenblick die "vermutlich größte Zumutung" auf deutschen Showbühnen, bildet den Auftakt der viertägigen Veranstaltungsreihe. In ihrer Show entlarvt und ironisiert sie unsere gesellschaftlichen Debatten und benennt Bilder, Klischees und Vorurteile, die wir voneinander haben (Donnerstag, 23. März 2017 11:30 -12 Uhr im Café Europa, Halle 4, Stand E401).

Im Anschluss reflektieren die Podiumsgäste in den Salongesprächen ihre aktuellen persönlichen Erfahrungen, lassen Besucher teilhaben und rufen zur gemeinsamen konstruktiven Auseinandersetzung auf. Deshalb ist das diesjährige Motto von Europa21: Innehalten, kritisch reflektieren und Banden bilden.

Salon 1: Wie reden wir miteinander? Unsere Debattenkultur auf dem Prüfstand

Es gibt immer Menschen mit anderer, im Zweifel auch menschenverachtender Einstellung. Die sogenannte "Flüchtlingskrise" ist beispielhaft für polarisierende Meinungen - in den Medien, auf der Straße sogar in den eigenen vier Wänden. Der Eindruck entsteht, dass kein wirklicher Austausch mehr stattfindet, jeder auf seiner Meinung beharrt. Wie ist dann noch ein Verhandeln von Differenz möglich? Dieser Frage gehen Mely Kiyak - politische Kolumnistin und vielfach ausgezeichnete Autorin, Kijan Espahangizi - Historiker und Leiter des Zentrums Geschichte des Wissens an der ETH Zürich, Fatih Çevikkollu - deutscher Theater-, Film- und Fernsehschauspieler, Komiker und Kabarettist sowie Moderatorin Esra Küçük - Kuratorin von Europa21 nach. (Donnerstag, 23. März 2017 12-13 Uhr im Café Europa, Halle 4, Stand E401)

Salon 2: Wer ist "das Volk"? Demokratie und Rechtsruck vor unserer Haustür

Auf diesem Panel treffen Gäste aufeinander, die erst kürzlich ihre ganz eigenen Erfahrungen in einem unter Druck geratenen Europa gemacht haben:

Die renommierte Kulturmanagerin Katarzyna Wielga-Skolimowska wurde im November 2016 als Direktorin des Polnischen Instituts Berlin kurzerhand von der regierenden nationalkonservativen PiS-Partei (Recht und Gerechtigkeit) in Warschau entlassen, was eine Welle der Entrüstung unter den Kulturschaffenden in Berlin nach sich zog. Der deutsche Kulturwissenschaftler und Kulturmanager Martin Roth war bis Oktober 2016 Direktor des Victoria & Albert Museums in London. Er verließ die Insel, nachdem im Juni 2016 die Mehrheit der Wähler für einen Ausstieg Großbritanniens aus der EU stimmte. Seitdem ruft er in Interviews und Gastbeiträgen in den Medien Kulturschaffende und Intellektuelle auf, die Ereignisse nicht an sich vorbei ziehen zu lassen und das Schweigen zu brechen. Katja Riemann - eine der vielseitigsten Schauspielerinnen Deutschlands -  sagt von sich selbst: "Erst bin ich Europäerin, dann Deutsche". Sie engagiert sich seit vielen Jahren für Menschenrechte und eine offene Gesellschaft in Deutschland. Banu Güven ist ein bekanntes Fernsehgesicht in der Türkei. Sie war Nachrichtensprecherin beim Sender NTV. Nach einem aus Regierungssicht skandalösen Interview und einem geplanten Interview mit einer kurdischen Politikerin, die von den türkischen Medien boykottiert wird, wurde sie vom Sender entlassen. Ihre Entlassung erregte Aufsehen, da sie sich in einem offenen Brief an Ministerpräsident Erdoğan wandte. (Donnerstag, 23. März 2017 13-14 Uhr im Café Europa, Halle 4, Stand E401)

Salon 3: Wer sind "Wir" und wer gehört dazu? Strategien im Ringen um den gesellschaftlichen Wandel Europas

Die viel zitierte "German Angst" - die deutsche Angst vor allen möglichen Veränderungen ist mehr denn je spürbar. Die Gesellschaft ist im Wandel, nicht zuletzt durch die Einwanderungswelle der vergangenen zwei Jahre in Deutschland. Naika Foroutan -Migrationsforscherin und deutschlandweit bekannt durch ihre wissenschaftlichen Arbeiten, die Sarrazins Thesen widerlegten, Mark Terkessidis - Autor und Wissenschaftler forscht zu Jugend- und Popkultur, Migration und Rassismus, Thomas Meinecke - Autor, Journalist, Musiker und zuletzt Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien, bezeichnet sich selber als feministischer Autor, und Harald Asel - Redakteur, Autor und Moderator bei Inforadio - sprechen über die sich verändernden Gesellschaften, Chancen dieser Entwicklung und Ängsten. (Freitag, 24. März 2017 12-13:30 Uhr im Café Europa, Halle 4, Stand E401)

Salon 4: Jung gegen Alt? Generationenkonflikt: Demokratie in alternden europäischen Gesellschaften

Lange Zeit wurde über den demografischen Wandel nur im Zusammenhang mit der Rentenversicherung berichtet. Was aber bedeutet der demografische Trend für die demokratische Zukunft Europas? Wie kommt es, dass wir es teilweise mit einer niedrigen Wahlbeteiligung junger Menschen zu tun haben? Die Gäste des Salons 4 sind: Julia Friedrichs - die Bestsellerautorin macht seit langem auf das Thema Kinderarmut aufmerksam und fragt, was es für die Zukunft unserer Gesellschaft bedeutet, dass mittlerweile jedes 5. Kind in Deutschland in Armut lebt. Der Journalist Philipp Fritz war Mitarbeiter der linkliberalen polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza und beschäftigt sich intensiv mit der jungen linken Bewegungen in Berlin "RAZEM", vergleichbar mit der spanischen Podemos-Bewegung. Der Zukunftsforscher Matthias Horx verdeutlicht in seinen Zukunftsberichten, warum die Welt nicht schlechter wird, wir das aber so schrecklich gerne glauben. Sie zeigen auf, was die Folgen sind, wenn Alt Jung überstimmt. (Samstag, 25. März 2017 12-13 Uhr im Café Europa, Halle 4, Stand E401)

Salon 5: Die Abstiegsgesellschaft Was macht unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert aus?

Im Salon 5 dreht sich alles um existenzielle Fragen, die uns zur Stunde beschäftigen. Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum 45. US-Präsidenten wird über einen neuen Begriff auch in Europa vermehrt gesprochen: Einen Begriff, der eine bisher diffuse und noch nicht näher ergründete Gruppe von Menschen beschreiben soll - die sogenannten "Abgehängten". Er steht Pars pro Toto für eine Entwicklung, die wir auch in Europa beobachten und die viele Fragen aufwirft. Studien zeigen: In kaum einem Industrieland herrscht eine so hohe Ungleichheit - in Bezug auf Einkommen, Vermögen und Chancen - wie in Deutschland. Wie wird der Wohlstand in unseren Gesellschaften verteilt? Und warum ist das so? Das diskutieren Roger de Weck - ehemaliger Chefredakteur von DIE ZEIT und seit 2010 Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR), der renommierte Soziologe Heinz Bude - und Ralf Fücks - Autor und Vorstand der Heinrich Böll Stiftung, gemeinsam mit ihrem Publikum. (Samstag, 25. März 2017 13-14 Uhr im Café Europa, Halle 4, Stand E401)

Salon 6: Was hat das mit uns zu tun?

Natürlich stellt sich die Frage, was all das mit Autoren zu tun hat. Wie beeinflussen gesellschaftliche Entwicklungen das Denken und Schreiben von Schriftstellern? Vermeiden Autoren es, über bestimmte Themen zu schreiben oder sagen sie "jetzt erst recht"?

Ein Gespräch mit den Autor*innen Sivan Ben Yishai, Nicoleta Esinencu, Necati Öziri, Yavuz Ekinci gibt Einblick in die Gedankenwelt junger Autoren aus unterschiedlichen Regionen Europas. (Sonntag, 26. März 2017 12-13:30 Uhr im Café Europa, Halle 4, Stand E401)

Literarische Neuerscheinungen 2017

Das Jahr ist noch jung und doch gibt es bereits zwei Neuerscheinungen, die sich dem Sujet Europa widmen. André Wilkens neues Buch Der diskrete Charme der Bürokratie: Gute Nachrichten aus Europa (S. Fischer Verlag, 2017) erzählt Geschichten von dem Geschenk Europas: Freiheit, positive Utopien, grenzenloses Reisen. Von Europa, von Menschen in Europa, von sich selbst. Nicht abstrakt, sondern selbst erlebt. Es geht um Fußball, Musik, Architektur und vieles mehr - selbst Jürgen Habermas und Angelina Jolie kommen zu Wort. Denn Europa muss neu erzählt werden, besser, spannender, moderner, persönlicher, im Guten wie im Bösen, mit Höhen und Tiefen.

André Wilkens, 1963 geboren und in Ostberlin aufgewachsen, ist Politikwissenschaftler und Autor. Er ist zudem Gründer des European Council on Foreign Relations und Mitgründer der Initiative Offene Gesellschaft. Seine Lesung Bekenntnisse eines leidenschaftlichen Europäers findet am Freitag, 24. März 2017, 13:30-14 Uhr im Café Europa, Halle 4, Stand E401 statt.

Ralf Fücks - Autor und Vorstand der Heinrich Böll Stiftung, arbeitet zu den Themen nachhaltige Entwicklung, Migration und Zukunft Europas. Im März, rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse, erscheint sein neues Buch Freiheit verteidigen. Wie wir den Kampf um die offene Gesellschaft gewinnen. Er schreibt von der Krise der liberalen Demokratie, einer verbreiteten Furcht vor sozialem Abstieg, von einer aus dem Ruder laufenden Globalisierung und unkontrollierter Zuwanderung, die eine aggressive Grundstimmung erzeugt. Ralf Fücks zeigt, dass der Rückzug in die nationale Wagenburg und die Abkehr von der offenen Gesellschaft in Teufels Küche führen. Dagegen setzt er die Erneuerung der demokratischen Republik: Wir brauchen starke öffentliche Institutionen - und Bürgerinnen und Bürger, die für die Freiheit aller eintreten. Zu erleben ist Ralf Fücks im Salon 5 zum Thema Die Abstiegsgesellschaft - Was macht unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert aus? am Samstag, 25. März 2017 13-14 Uhr im Café Europa, Halle 4, Stand E401.

Lesungen neuer Texte finden auch in der Autor*innenwerkstatt im Salon E-U-R-O-P-A statt. Zu erleben sind: Sivan Ben Yishai - ihre aktuelle Trilogie beschäftigt sich mit dem erneuten Aufflammen des palästinensisch-israelischen Konflikts, Necati Öziri - Dramaturg am Maxim Gorki Theater, Yavuz Ekinci - u.a. Herausgeber einer kurdischen Exilzeitung und Nicoleta Esinencu - in 40 Sprachen übersetzte und mehrfach ausgezeichnete Autorin.

Es moderieren Sasha Marianna Salzmann - vielfach gespielte und ausgezeichnete Dramatikerin, Essayistin und Kuratorin sowie Mitbegründerin des Kulturmagazins freitext und des performativen Experimentierraums STUDIO und Deniz Utlu, dessen Debütroman Die Ungehaltenen 2014 erschien und 2015 für die Bühne adaptiert wurde.

Abgerundet wird das Programm mit dem interaktiven Theaterabend: FUCK YOU, Eu.ro.Pa! / Fuck you Moldova! in der Schaubühne Lindenfels. Nicoleta Esinencu - mehrfach ausgezeichnete Autorin - verfasste den wütenden, assoziativen Monolog. Sie spricht im Stück mit ihrem verstorbenen Vater, erinnert sich an die Kindheit in Moldau, an ihr Studium, an ihre Zeit in Europa, an die Perestroika-Zeit. Im Anschluss findet ein Publikumsgespräch mit der Schauspielerin Marina Frenk und Nicoleta Esinencu, moderiert von Sasha Marianna Salzmann, statt. (Samstag, 25. März 2017, 19:30 Uhr, in der Schaubühne Lindenfels, Leipzig)

Pressetermine

Die Kuratorin und alle Autoren stehen für Interviews vor und zur Leipziger Buchmesse zur Verfügung.

Kontakt

Julia Rommel
Telefon 0711 46084-750