Foto: Till Schürmann

Kinder sind geborene Forscher

„Keine Angst vor Wissenschaft!“ – so der Titel der alljährlichen Fachtagung der Körber-Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und der Deutsche Telekom Stiftung,
die bereits zum fünften Mal zu einem bundesweiten Netzwerktreffen rund um das wissenschaftsnahe und forschende Lernen von Schülerinnen und Schülern einluden. Das Gipfeltreffen fand am 6. und 7. Juni im historischen Rostocker Rathaus statt. Stifter, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Lehrkräfte, Projektmacher, Fachleute aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung fanden sich in der Hansestadt zusammen, um nach Ideen und Methoden zu suchen, Schülerinnen und Schüler für Wissenschaft zu begeistern – auch fernab von Hochschulen und anderen Wissenschaftsstandorten. In einem „Call for Sessions“ wurden von den Organisatoren im Vorfeld aus 80 Vorschlägen rund 40 Beispiele guter Praxis ausgewählt, die in den Forscher-Foren während der Tagung in Workshops und Diskussionsrunden vorgestellt wurden. In der „Windbörse“ konnten alle Tagungsteilnehmer einen Blick auf 22 Wissenschaftsprojekte werfen, die in der Rostocker Nikolaikirche von den Schülerinnen und Schülern ausgestellt und erklärt wurden.

Eröffnet wurde die Fachtagung von Rostocks Senatorin für Jugend und Soziales, Gesundheit, Schule, Sport und Kultur, Dr. Liane Melzer. „Mit dem Thema ,Wir machen Wind’ haben wir das Jahr der jungen Forscher nach Rostock geholt. Das war sehr wichtig für uns, weil wir so zeigen können, welche Talente die Schülerinnen und Schüler und die Universität hier haben“, so Melzer. Seit Jahren gebe es in der Hansestadt die Schülerlabore und die Kinder-Uni und mit der Stadt der jungen Forscher könne gezeigt werden, wie spannend und aufregend Wissenschaft ist. Zudem betonte die Senatorin, dass die Stadt zusammen mit dem Verein [Rostock denkt 365°] bundesweit beweise, dass Rostock immer mehr zur Wissenschaftsregion wird.
Dr. Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung, lobte die Vielzahl an Veranstaltungen, die Rostock im Forscherjahr ausrichte – darunter mehrere Wettbewerbe wie den Schüler Science Slam oder die Lange Nacht der Wissenschaften. „Eine ordentliche Brise frischen Windes weht uns hier um die Ohren, wenn man sieht was hier alles geschieht“, so Winter. Besonders interessant sei, welche Konzepte es in Rostock gebe, um fernab von Forschung und Wissenschaft Schüler an die Hochschulen zu ziehen, auch da der ländliche Raum oft zu wenig in den Blick genommen werde. „Für dieses Problem gibt es in Rostock interessante und auch kreative Ansätze. Das gilt ebenso für den Bereich Film, Theater und Musik“, betonte Winter weiter. Die Stiftungen bedankten sich zudem für die ausgesprochen gute und sympathische Zusammenarbeit mit der Hansestadt und [Rostock denkt 365°].

Das Grußwort übernahm Mecklenburg-Vorpommerns Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Matthias Brodkorb, der sogleich dafür plädierte, die Gesamtheit der Wissenschaften zu diskutieren und nicht nur die MINT-Fächer in den Vordergrund zu stellen. Der Minister selbst hat an der Universität Rostock Philosophie studiert und weiß, dass es in allen Studienfächern spannende Momente – „Klick-Momente“ – zu erleben gibt, wenn man schwierige Aufgaben gelöst hat und so die Lust an der Wissenschaft geweckt wird.
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„Windräder im Klassenzimmer = Sturm auf die Wissenschaft?“ – so lautete der Titel des anschließenden Gesprächs über forschendes Lernen, gelingenden Unterricht und neue Wege und Möglichkeiten, in Schulen für Wissenschaft zu begeistern. Gesprächsteilnehmer waren Bildungsminister Brodkorb, Thomas Döring, Schulleiter des Innerstädtischen Gymnasiums Rostock und Prof. Dr. Thomas Trefzger, Sprecher des M!ND-Centers an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Mit „Global Laser“ wurde zunächst ein erfolgreiches Schülerprojekt des Innerstädtischen Gymnasiums vorgestellt. Auf die Bühne traten die beiden Erfinder, die mit ihrer Projektpräsentation im März auch den Schüler Science Slam gewonnen hatten. Anstatt Strom wie bisher nur zu speichern, wollen die Schüler die Energie mit Lasern dahin transportieren, wo er schlussendlich gebraucht wird.
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Döring bekräftigte gleich zu Beginn des Gesprächs, dass er als Schulleiter die Schülerinnen und Schüler im Unterricht nur schwer für Wissenschaft begeistern könne, da die schulischen Rahmenbedingungen dem entgegenstünden. Dies wies der Minister entschieden zurück, denn seiner Ansicht nach seien Strukturveränderungen nicht entscheidend. Es liege hauptsächlich an den Eltern und dem sozialen Umfeld, in dem die Kinder aufwüchsen. „Die Schule ist die einzige Institution, die Chancengleichheit schaffen kann. Es hängt viel von den Lehrerpersönlichkeiten ab“, so Brodkorb. Um angehende Lehrer möglichst früh auf die Aufgaben ihres Berufes vorzubereiten, forderte Prof. Trefzger, Lehramtsstudierende frühzeitig in engen Kontakt mit Dozenten und Schulen zu bringen und den Bezug zum Lehramt während des gesamten Studiums zu gewährleisten. Döring wies zudem darauf hin, dass forschendes Lernen nicht dem Zufall überlassen werden könne und durchaus mit gestandenen Lehrern erarbeitet werden solle. Einen Konsens fanden Döring und Brodkorb darin, dass die Forschungsdebatte zu sehr auf die MINT-Fächer beschränkt sei und man durchaus den herkömmlichen 45-Minuten-Takt des Unterrichts aufbrechen müsse. Brodkorb fügte dennoch hinzu: „Um Interdisziplinarität zu erzeugen, sind vor allem Persönlichkeiten wichtig. Die Frage nach der Leistungsfähigkeit eines Schulsystems hat wenig mit Struktur zu tun.“ Döring wünschte sich zum Schluss insbesondere mehr Freiheit und weniger Normen für den Unterricht: „Gerade forschendes Lernen braucht Freiräume.“
In einer von Nachtwächtern geführten Passage ging es danach schon am Nachmittag zur „Windbörse“ in die Nikolaikirche.
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Dort warteten auf die Tagungsteilnehmer 22 von 39 Rostocker Schülerprojekten, die am Wettbewerb „Wir machen Wind“ teilnahmen, um ihr Zwischenfazit zu präsentieren. Die Windbörse bot unterhaltsame Vorträge, Wissenschaftsshows und Musik. Unter anderem dabei: „Der ,grüne’ Computer“, „CO2 - keine Chance in Rostock! Kohlendioxid-Fänger zur Bekämpfung schädlichen Klimagases“ oder „Spex – SmartphoneXtension“. Dr. Lothar Dittmer, Mitglied des Vorstandes der Körber-Stiftung, sagt zur „Windbörse“: „Die Ausstellung macht großen Spaß und viel Freude. So etwas ist nicht allein im Regelunterricht auf die Beine zu stellen, sondern mit viel gesellschaftlichem Engagement.“
Der abendliche Empfang der Stiftungen mit Preisverleihung für die Stadt der jungen Forscher 2014 fand – wie es sich für eine Stadt am Wasser gehört – auf einem Schiff statt. Die Teilnehmer fuhren mit der MS „Ostseebad Warnemünde“ vom Rostocker Stadthafen bis nach Warnemünde und wieder zurück. Erst im Laufe der Fahrt sollte sich entscheiden, welche Stadt den Titel 2014 tragen darf – Jülich, Würzburg oder Friedrichshafen. Dr. Ekkehard Winter unterstrich, dass Rostock den Maßstab gesetzt habe und die Jury vor allem danach geschaut habe, welche Aktivitäten es schon gibt, die in die Stadt der jungen Forscher eingebunden werden können, welche neuen Strategien vorgestellt werden, um die Themen in die Region zu holen und welche Ideen für das Wissenschaftsfestival am meisten überzeugen. Die besten Voraussetzungen hatte letztendlich Würzburg und wurde somit zur Stadt der jungen Forscher 2014 gekürt. Das Forscherjahr wird dort unter dem Motto „Von Natur aus Wissenschaft“ stehen. „Mit den drei Hochschulen präsentierte uns Würzburg eine sehr gute Ausgangslage. 80 Schulen, auch berufliche Schulen und Realschulen, können mit dem Wissenschaftsfestival erreicht werden. Wir freuen uns auf die Würzburger Kreativität“, so Winter.
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Der zweite Tag begann mit der Podiumsdiskussion „Landlust vs. Forscherfrust“, in der es darum ging, wie man Schülerinnen und Schülern fernab von Hochschulstandorten Wissenschaft authentisch vermitteln kann. Als Beispiel guter Praxis wurde von Alicia Weirich vom teutolab der Uni Bielefeld und Christine Werner vom Ravensberger Gymnasium Herford die teutolab-Satellitenlabore vorgestellt. Um die Uni zu entlasten und vor allem um die Schülerinnen und Schüler zu erreichen, die nicht in eines der Schülerlabore in die Uni kommen können, sind bereits 55 Satellitenlabore entstanden.
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Etwas anders funktioniert die Wissenskarawane MV, ein Projekt von Sphinx ET – Agentur für Zeitgeistentwicklung. Inhaber Dr. Robert Uhde erklärt: „Forschungseinrichtungen und Technologiezentren öffnen für einen Vormittag ihre Türen, um den Schülern einen Einblick in ihre Arbeit zu gewähren.“ Zudem gebe es Mitmachexperimente und kurze Vorträge und Gespräche mit jungen Wissenschaftlern. In Rostock sehe er seit zehn Jahren eine große Entwicklung, was die Wissenschaftskultur angeht. Prof. Dr. Djamshid Tavangarian bestätigte ebenfalls, dass der Übergang von der Schule zur Hochschule einen harten Schnitt bedeute. Initiativen wie die Wissenskarawane oder das Juniorstudium, das er an der Uni Rostock betreue, seien da eine großartige Möglichkeit. „Gleichzeitig stehen die Universitäten aber unter großem Druck, da solche Projekte viel Geld kosten. Trotzdem wollen sie die Studenten anziehen und weniger Studienabbrecher produzieren“, so Tavangarian. Daher sei es umso wichtiger, dass sich die Schüler schon vorher ein Bild vom Studieren machen können.
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In den folgenden Forscher-Foren wurde praktiziert, diskutiert und präsentiert. Zum Beispiel stellte Kulturwissenschaftlerin und Bildungsreferentin Laura Hörath ihre Theater-Agentur „Forschperspektive“ vor, die Science-Shows für Kinder und Jugendliche konzipiert. „Was macht mein Müsli nach dem Frühstück?“ – während dieser Aufführung konnten die geladenen Schüler den komplexen Prozess der Verdauung interaktiv auf und vor der Bühne erfassen. Dass es Physik und Chemie auch im Museum zu entdecken gibt, bewies Katja Matauschek, Restauratorin der Staatlichen Kunstsammlung Dresden, die in Workshops zusammen mit den Schülern naturwissenschaftlich in den Bereichen Klima, Licht, Sicherheit, Material experimentiert. Ein Thema, das viel in den Tagungsteilnehmern bewegte, war „Wie wirken Wettbewerbe?“. In der Diskussionsrunde mit Matthias Mayer von der Körber-Stiftung wurde schnell klar, dass Wettbewerbe für Schüler und Schulen zwar viele wertvolle Möglichkeiten und Chancen bieten, sie jedoch ebenso pädagogische Herausforderung sind und in ihrer Umsetzung an Grenzen stoßen können.

Die Fragen – „Wie kommt die Wissenschaft dahin, wo keine wissenschaftlichen Einrichtungen sind?“ und „Wie begeistert man die Schüler und zieht sie in die Labore?“ – standen im Mittelpunkt der Fachtagung. Johannes Schlarb (Deutsche Telekom Stiftung) unterstrich in seinem Schlusswort: „Die Neugier und der Spaß der Schüler an Wissenschaft sind im Rahmen der Tagung und der ,Windbörse’ deutlich geworden.“ In Rostock sei unheimlich viel passiert. Zweifel daran, dass es in der Hansestadt mit den tollen Projekten so weitergeht, hegt Schlarb nicht. „Mit Rostock haben wir die richtige Stadt ausgewählt.“

Im nächsten Jahr findet die Fachtagung „Keine Angst vor Wissenschaft!“ in der Stadt der jungen Forscher 2014 – in Würzburg – statt.