Foto: Till Schürmann

Nachhaltigkeit ist das höchste Gebot!

Die Fachtagung „Keine Angst vor Wissenschaft! Wie man Schülerinnen und Schüler für Wissenschaft begeistert“ lockte am 26. und 27. Mai 2011 zum dritten Mal engagierte Wissenschaftler und Lehrer in die Stadt der jungen Forscher. Nach Göttingen 2009 und Gießen 2010 zog es die Bildungsexperten in diesem Jahr in den hohen Norden nach Kiel, der „Stadt der jungen Forscher 2011“. Neben den genannten Forschern und Lehrern zeigte sich das Teilnehmerfeld der diesjährigen Tagung, ergänzt durch Vertreter aus Politik, Verwaltung, Schülerschaft und Stiftungswesen, bunt gemischt. Um das Programm des zweitägigen Meetings möglichst vielseitig zu gestalten, wurden im Vorfeld im Rahmen eines „Call for Sessions“ rund 40 Praxisbeispiele und Workshops aus mehr als 60 Vorschlägen ausgewählt. Zur Eröffnung der Tagung luden die Körber-Stiftung, die Robert Bosch Stiftung und die Deutsche Telekom Stiftung die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in das Wissenschaftszentrum im Kieler Wissenschaftspark ein. Mit einem Shuttlebus war es den Tagungsgästen möglich, direkt vom zeitgleich stattfindenden Wissenschaftsfestival an der Kieler Hörn zur Fachtagung zu gelangen.
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Schleswig-Holsteins Minister für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr Jost de Jager eröffnete die Veranstaltung und zeigte sich erfreut über das Engagement der Gäste in der Vernetzung von Schule und Wissenschaft. In seiner Rede wies er mehrfach auf die Probleme an den Universitäten hin. Viel zu wenig junge Menschen interessierten sich für die so genannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Daraus resultiere eine weitere Verschärfung des immer deutlicher werdenden Fachkräftemangels, weshalb er Initiativen wie die Stadt der jungen Forscher, die schon im Schüleralter Kinder und Jugendliche für naturwissenschaftliche Disziplinen begeistern, sehr begrüße. „Was ich als Wissenschaftsminister fördere, kann ich als Wirtschaftsminister ernten“, schloss er augenzwinkernd diesen Gedanken ab. In der Folge kam es zu einer angeregten Diskussion zwischen Prof. Dr. Gerhard Fouquet, Präsident der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Klaus Weigel, Schulleiter der Gemeinschaftsschule Friedrichsort, und Atje Drexler, stellvertretende Leiterin des Bereichs Gesundheit und Wissenschaft der Robert Bosch Stiftung.
Atje Drexler betonte die Bedeutung der Tagung und des Konzepts der Stadt der jungen Forscher für einzelne Regionen. Es handle sich zwar um eine bundesweite Veranstaltung und Ausschreibung – der Fokus liege aber auf der Kommune. Hier sollten aus der Initiative der Schulen und Universitäten heraus Netzwerke und Partnerschaften entstehen, bundesweite Pauschalprogramme könnten nicht die Lösung sein. Herr Weigel hob das für ihn erstaunliche Engagement seiner Kollegen für das Projekt hervor. Trotz der nicht unerheblichen Zusatzarbeit für die Lehrer überwiege die Begeisterung für eine nachhaltige Vernetzung von Schule, Wissenschaft und Wirtschaft. Überhaupt waren sich die drei Diskussionsteilnehmer in diesem Punkt schnell einig: Nachhaltigkeit ist das höchste Gebot. Die Auszeichnung „Stadt der jungen Forscher“ darf kein Strohfeuer bleiben, sondern muss der Anfang einer anhaltenden Kooperation sein. „Bei der Begeisterung, die es in dieser Stadt für Wissenschaft gibt, mache ich mir darum keine Sorgen“, schloss Atje Drexler das Gespräch.
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Im weiteren Verlauf des Nachmittags moderierte der Journalist Ulrich Schnabel, Die ZEIT, eine Diskussion zwischen Prof. Dr. Olaf Köller vom Leibnitz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel und Prof. Dr. Hans Peter Klein von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Dem Hinweis des Moderators, „das Gespräch nicht zu harmonisch zu führen“, wurden beide durchaus gerecht. Über das Für und Wider der Kompetenzorientierung in der Schule stritten die beiden Wissenschaftler auf angenehm unterhaltsamer und informativer Basis. Aufhänger der Diskussion war ein Experiment, das Prof. Dr. Klein durchgeführt und dessen Ergebnisse er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht hatte. Er ließ Schüler der neunten Klasse eine Abitur-Aufgabe im Fach Biologie bearbeiten. Der Großteil der Schüler bestand die Prüfung, einige mit der Note Gut oder gar besser.
Prof. Dr. Klein legte dar, dass es sich bei der Lösung der Aufgabe schlicht um die korrekte Wiedergabe des beigefügten Textinhaltes drehte. Von den Abiturienten werde kein Fachwissen gefordert, sondern lediglich die korrekte Präsentation bereits vorgegebener Ergebnisse. Obwohl Prof. Dr. Köller die Verallgemeinerung dieses Experimentes als unzulässig entlarvte, entbrannte auch unter Mitwirkung des Publikums die Debatte über das Leistungsniveau der Schulabsolventen.
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Von der theoretischen Analyse des Ist-Zustandes ging es für die Tagungsgäste dann in die Vorstellung der praktischen Verbesserungsvorschläge: Der erste Forscher-Foren-Block stand auf dem Programm. In Praxisbeispielen und Workshops stellten die Referenten innovative Ideen und Ansätze vor, die den Lehrern in vielen Fällen als pädagogische Instrumente dienen könnten. Die Idee von „Philosophie als Unterrichtsprinzip für den Mathematikunterricht“ wurde dabei genauso erörtert wie das „Forschende Lernen in den Klassenstufen 0-4“. Im Dialog über verschiedene Unterrichtsprinzipien und pädagogische Ansätze zwischen Referenten und interessierten Teilnehmern endete der erste Tag der Veranstaltung im Wissenschaftszentrum Kiel.
Der zweite Tag begann im wahrsten Sinne des Wortes komisch. Auf dem Programm stand ein Vortrag von Prof. Dr. Willibald Ruch von der Universität Zürich zum Thema „Humor in der Schule“. Zunächst erläuterte der Schweizer Professor das Phänomen, dass in der Psychologie zum überwiegenden Teil die ernsten und negativen Charakterzüge und Eigenschaften des Menschen beleuchtet und untersucht werden. Die Literatur sei voll von Untersuchungen über Neid, Missgunst, Hass, Gier oder Eifersucht. Weitaus weniger Expertise gebe es zu den positiven Eigenschaften wie Freude, Liebe, Toleranz oder eben Humor. Der Humorforscher unterstrich die große Bedeutung von Humor vor allem in sozialen Beziehungen.
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Eine angenehm lockere Atmosphäre im Unterricht, gewürzt mit dem einen oder anderen Witz, fördere Aufmerksamkeit und Lernvermögen. Die Kunst sei es, „die Grenze zum Auslachen nicht zu überschreiten“. Vor allem bei Sarkasmus oder Ironie sei viel Fingerspitzengefühl gefragt. Generell solle man nicht versuchen, „krampfhaft witzig zu sein“, aber eine gewisse Lockerheit sei für jeden machbar. Der äußerst unterhaltsame und bisweilen tatsächlich witzige Vortrag des Wissenschaftlers landete somit nicht umsonst am Ende der Tagung an der Spitze der Beliebtheitsskala.
Das Mittagessen im Wissenschaftszentrum wurde von zwei weiteren Forscher-Foren-Blöcken eingerahmt. Die Idee einer „Science Olympiade“ zur nachhaltigen Förderung durch Schülerwettbewerbe konnte dabei ebenso verfolgt werden wie spezielle Konzepte zum „molekularbiologischen Experimentieren mit Schülern“. Genauso fanden die Teilnehmer am Nachmittag aber auch konkrete Tipps und Hilfen zur Projektarbeit. In den Workshops „Fundraising für Projektmacher“ oder „Möglichkeiten, Herausforderungen und Grenzen der Projektevaluation“ sammelten die Tagungsgäste wichtige Hinweise für die eigene Projektentwicklung. Auch die Forschungsprojekte der Kieler Schulen wurden im Zuge der abschließenden Forscher-Foren vorgestellt. In der Schlussrunde der Tagung resümierte Ulrich Schnabel mit Hilfe einzelner Feedback-Statements der Teilnehmer das Ergebnis der zweitägigen Fachveranstaltung. Dabei drängte sich erneut die Wichtigkeit der Vernetzung auf. Entscheidend seien die Menschen, mit denen man auf einer solchen Veranstaltung in Berührung kommt.
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Ein Netzwerk zwischen Schülern, Lehrern und Wissenschaftlern könne nur über einen lebendigen, stetigen Austausch entstehen. Dies bestätigte auch Atje Drexler im Namen der drei Stiftungen. Um die nachhaltige Verbesserung zu gewährleisten, sei ein anhaltender Austausch unabdingbar. Sie dankte den Gästen, Referenten und Organisatoren für die rege Beteiligung, ohne die eine solche Tagung nicht möglich gewesen wäre. Ein Teilnehmer fasste die Atmosphäre der beiden Tage treffend zusammen: „Man hat hier gemerkt, dass es in diesem Land ein erhebliches Potential an Lust auf Wissenschaft gibt!“ Der Erfolg der Fachtagung lässt sich vielleicht am besten daran festmachen, dass viele der Teilnehmer bereits in Göttingen und Gießen dabei waren. Das Netzwerk nimmt immer deutlichere Züge an. In diesem Sinne verabredeten sich die einen oder anderen bereits wieder für das nächste Jahr. Dann im Süden, genauer in Karlsruhe: der Stadt der jungen Forscher 2012!