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Gießen wills wissen!
Raketenantriebe bei Insekten, Unterdruckexperimente mit Schokoküssen, Nanoversiegelung mit Teelichtern. Auf dem Gießener Festival junger Forscher am 30. Mai 2010 gab es beim Rundgang um Lindenplatz, Brandplatz, Kirchenplatz, Marktlauben und Botanischem Garten im Minutentakt Unglaublichkeiten zu bestaunen. Rund 25.000 Besucher waren in die Stadt der jungen Forscher 2010 gekommen, um eine öffentliche Experimentiermeile der besonderen Art zu erleben. Schon zu Beginn weckten mit lautem Tuten, Trompeten und Trommeln die „Marching Bandits“ und die „Black Bandits Marching Corps“ auch den letzten Langschläfer in der Gießener Innenstadt auf. In einer weißen Zeltstadt rund um die Festivalbühne präsentierten sich junge Forscherinnen und Forscher aus 26 von der Körber-Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und der Deutsche Telekom Stiftung geförderten Schul-Wissenschafts-Projekten der Öffentlichkeit. Sechs Schülerinnen der Theo-Koch-Schule in Grünberg zum Beispiel wollten wissen, ob Emotionen die Lerneffizienz beeinflussen können. Probanden mussten sich dazu verschiedenen Geräuschsituationen aussetzen – von ruhiger Radioreportage bis hin zur Partystimmung. „Es hat einfach Spaß gemacht, auch wenn es stressig war und nicht alles funktionierte“, sagten die Achtklässlerinnen.
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Fünf Jungs des gleichen Jahrgangs der Grünberger Schule hatten sich ein technisches Thema gesucht: Wie wirkt sich die Strahlung von Handys auf den Körper aus? „Da sind ganz erstaunliche Dinge heraus gekommen.“ Geholfen hat ein teures Messgerät, das ihnen das Partner-Institut an der Fachhochschule geliehen hatte. „Unsere Ergebnisse sollen auch in die Handy-Benutzungsordnung der Schule einfließen,“ so die stolzen Nachwuchsforscherinnen und -forscher. Fünf Schülerinnen der Wetzlarer Goetheschule hatten es geschafft, Literatur und mobiles Computing in einem Projekt zu vereinen. Ihr „Elektronisches Leitsystem Literatur“ (ELLI) liefert mit Hilfe von GPS und Internet Wissenswertes zu Orten von literarischer Bedeutung. Als Beispiel widmeten sich die Elftklässlerinnen Goethes „Die Leiden des jungen Werther“. Vor allem die Teamarbeit in der Gruppe habe ihr Spaß gemacht, sagte Julia Weber. Dabei hat das literarische Leitsystem durchaus für Arbeit gesorgt: „Man musste viel Zeit in die Ausarbeitungen der Texte investieren und wir haben uns auch in den Ferien getroffen“, erzählte Jasmin Klapproth.
Wie kann man im Service von Restaurants zu mehr Trinkgeld kommen? Acht Jungwissenschaftler des 11. Jahrgangs der Gesamtschule Gießen-Ost gingen dieser Frage nach und untersuchten, ob Körperkontakt dabei eine Rolle spielt. Schwierigkeiten gab es für die Gruppe, Gaststätten zu finden, die sich an dem empirischen Versuch beteiligen wollten. „Wir dachten nicht, dass es so kompliziert ist“, sagte Jan Kuhnert. „Das war der größte Zeitaufwand bei dem Projekt“. Das hielt die Jungforscher aber nicht davon ab, auch auf dem Festival mit dem eigenem Verkauf von Getränken und Speisen weitere Studien zu ihrem selbst gewählten Thema zu betreiben. Drei Schüler des Jahrgangs 13 der Gesamtschule Gießen-Ost wollten wissen, ob Fische reden können. Motiviert hatte sie Prof. Dr. Hans-Peter Ziemek vom Institut für Biodidaktik der Gießener Uni. „Das ist noch nicht richtig erforscht“, sagte Ziemek und schlug den Schülern den Zebrabuntbarsch als Untersuchungsobjekt vor. „Ein Teil des Projektgelds haben wir für ein passendes Mikrofon gebraucht, was wir selbst gebaut haben“, sagte Kaan Bülte dazu. „Das Forschen macht wirklich Spaß“, meinten alle drei – auch wenn es gerade während des Abiturs etwas stressig sei. Schüler der Gießener Herderschule hatten in ihrem Projekt die Reaktionen von Blutegeln auf Wärme und Licht erforscht. Selbst in den Ferien seien sie bei ihren Tierchen im Schul-Labor gewesen: „Manchmal waren wir sogar in den Freistunden im Labor“.
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Aus der Gießener Aliceschule gingen Schülerinnen und Schüler zusammen mit Wissenschaftlern des Instituts für Biopharmazeutische Industrie der Frage nach, welchen Einfluss die immer häufiger in Imprägniermitteln und Kosmetika verwendeten Nanopartikel auf Fauna und Flora in Gewässern haben. „Die ökotoxischen Auswirkungen dieser Stoffe sind noch völlig unerforscht. Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass das in Sonnenmilch verwendete Titandioxid das Wachstum von Pflanzen beeinträchtigt. In kleineren Badeseen könnte das langfristig zu einem echten Problem werden“, berichtete ein am Forschungsprojekt beteiligter Schüler. Wer ernsthaft forscht, muss vor dem Erfolg aber auch Misserfolge und Irrwege in Kauf nehmen. Erst nach einigen gescheiterten Startexperimenten, undichten Drucktanks, klemmenden Startvorrichtungen und gerissenen Klebestellen konnten Elftklässler der Gesamtschule Gießen-Ost am Ende ihres Projekts doch noch ihr Forschungsziel erreichen. Sie wollten wissen, wie hoch eine selbstgebaute Rakete, angetrieben nur durch Wasser und Luftdruck, fliegen kann. Der Rekord lag am Ende bei über 100 m, wie die Schüler nach Analyse des Abschussvideos stolz berichten konnten. Auf dem Festival durften die Besucher das Experiment selbst durchführen, was bei Groß und Klein für viel Spaß sorgte – und für die ein oder andere Abkühlung, als das Wasser über den Köpfen der Besucher aus der Rakete schoss.
Spätestens um 13.00 Uhr verjüngte sich das Publikum vor der Festivalbühne dann schlagartig. „Schau mal Mama, das ist der Mann aus dem Fernsehen!“ Wie ein Popstar wurde Willi Weitzel, ARD-Fernsehmoderator und bekannt aus „Willi wills wissen“, von den begeisterten Jungfans begrüßt. Und wie das nun genau in den von den Stiftungen geförderten Projekten ablief, ließ sich Willi haarklein von Schülerinnen und Schülern des Landgraf-Ludwig-Gymnasiums erklären. Beschäftigt hatten sich Neuntklässlerinnen mit Martha Mendel, einer der ersten deutschen Fliegerinnen, die im April 1935 einen Weltrekord im Dauersegelflug aufgestellt hat und an die in Gießen nur noch ein Straßenschild erinnert. Mit Unterstützung des Instituts für Didaktik der Geschichte der Justus-Liebig-Universität Gießen befragten sie Zeitzeugen, erkundeten Flugplätze und recherchierten in Museen, um die Erinnerung an diese bemerkenswerte Frau wieder aufleben zu lassen. Parallel zum Bühnenprogramm, das neben Willi auch eine KOSMOS-Experimentiershow und die Big-Band der Liebigschule zu bieten hatte, gab es besonders für Jungforscher ab 5 Jahren im Alten Schloss eine Forscherwerkstatt für Familien zu erleben. Mit selbst gewonnenen Pflanzenölen konnte man dort eine Lampe basteln, mit Brennstoffzellen elektrische Geräte betreiben oder sogar mit Solarzellen einen Handfeger zum Laufen bringen.
Foto: Frank Sygusch
Ob auf dem Dach einer Bushaltestelle, im Vorgarten der Tourist-Info oder mitten in der Fußgängerzone: Kritisch beäugt wurde das Festival allerorten von zahlreichen lebensgroßen Dinosaurierexponaten, die bereits seit April in Gießen jeden Einkaufsbummel zu einem prähistorischen Erlebnis machen. Am Sonntagabend ging in Gießen schließlich mit den Newcomer-Bands Campaign Like Clockwork, Springfield und neoh ein großartiges Wissenschafts-Wochenende für die ganze Familie zu Ende. Stadtverwaltung, Stadtmarketing, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Wirtschaft in Gießen haben mit viel Engagement und Leidenschaft bewiesen, dass die Stadt zurecht den Titel „Stadt der jungen Forscher“ trägt und sich auf ihren Lorbeeren nicht ausruht. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz brachte es bereits zur Eröffnung des Festivals der jungen Forscher auf den Punkt: „Gießen braucht Nachwuchs und junge Forscher. Junge Menschen sind von Natur aus neugierig und unsere Gesellschaft braucht jedes Talent, damit wir zukunftsfähig bleiben.“ Die Körber-Stiftung, die Robert Bosch Stiftung und die Deutsche Telekom Stiftung dankt allen, die diese große Leistung in Gießen möglich gemacht haben!