Foto: Till Schürmann

Keine Angst vor Wissenschaft!

„Keine Angst vor Wissenschaft! Wie man Schülerinnen und Schüler für Wissenschaft begeistert.“ Unter diesem Motto luden die Körber-Stiftung, die Robert Bosch Stiftung und die Deutsche Telekom Stiftung am 28. und 29. Mai 2010 zum zweiten Gipfeltreffen bundesweit aktiver Netzwerke rund um das forschende und wissenschaftsnahe Lernen mit Schülerinnen und Schülern nach Gießen ein. Über 200 engagierte Lehrkräfte, Projektmacher, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber auch Fachleute aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Stiftungen nutzten die Möglichkeit zum fachlichen Austausch, zur überregionalen Vernetzung und für den Blick in die aktuelle Praxis. In einer „Call for Sessions“ wurden von den Organisatoren im Vorfeld aus rund 100 bundesweiten Vorschlägen 40 Praxisbeispiele und Workshops für das Programm ausgewählt. Auch die 26 von den Stiftungen mit insgesamt 25.000 Euro geförderten Schul-Wissenschafts-Projekte aus der Region hatten Gelegenheit, sich in einem „Forum junger Forscher“ im Rahmen der Tagung zu präsentieren.
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Schon zu Beginn machte Deutschlands zum Amtsantritt jüngster Universitätspräsident, Prof. Dr. Joybrato Mukherjee, deutlich, wie sehr er sich freue, dass Gießen als „Stadt der jungen Forscher 2010“ ausgezeichnet worden sei. „Es liegt klar im Interesse der Justus-Liebig-Universität, die Begeisterung für Forschung und Wissenschaft möglichst früh zu wecken. Spitzenforschung und Nachwuchsförderung sind zwei Seiten derselben Medaille, um die wir uns in Gießen immer wieder mit viel Engagement bemühen.“ Mit sichtlichem Stolz verkündete der international bekannte Anglist den neuesten Meilenstein in der Stadt der jungen Forscher: die „Hermann-Hoffmann-Akademie für junge Forscher“, die als zentrale Anlaufstelle für Schülerinnen und Schüler die bisherigen Aktivitäten der Universität im Botanischen Institut mit Hörsälen, Büroräumen und Werkstätten bündeln und weiterentwickeln wird.
Im Namen der drei Stiftungen begrüßte Dr. Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung, die Tagungsteilnehmer. „Gießen ist nicht nur vorbildlich und innovativ, wenn es darum geht, den Nachwuchs zu begeistern und Wissenschaft als Stärke der Region in die Öffentlichkeit zu tragen. Bei den Vorbereitungen auf das vor uns liegende Wochenende wurde auch immer wieder deutlich, dass in unserer diesjährigen Stadt der jungen Forscher alle Akteure, seien es die Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Schulen oder die Stadt, an einem Strang ziehen. Bitte machen Sie in Gießen weiter so gute und engagierte Bildungsarbeit.“

Bei der sich anschließenden Podiumsdiskussion »Humboldt, Hightech und Humanressource – Bildungspolitik im demografischen Wandel« wurden die bildungspolitischen Chancen von Schul-Hochschul-Kooperationen und der ungleiche Kampf von Wissenschaft und Wirtschaft um den besten Nachwuchs analysiert. Auch die Bedeutung einer besseren frühkindlichen Förderung wurde debattiert. „Wenn wir die Begeisterung für wissenschaftliche Themen nicht schon in jungen Jahren wecken, kann es bei vielen Kindern und Jugendlichen in höherem Alter zu spät sein“, meinte die hessische Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann, selbst zweifache Mutter.
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Selbstkritisch räumte sie ein, dass die Politik in der Vergangenheit den Fehler gemacht habe, Heranwachsende nicht schon früher für Forschung zu interessieren und auch die Lehrerinnen und Lehrer dementsprechend auszubilden. Unterstützung erhielt sie von Ingrid Müller, Chemie- und Biologielehrerin am Gymnasium Corvinianum im niedersächsischen Northeim und engagierte Projektbetreuerin aus der Stadt der jungen Forscher 2009: „Wir brauchen mehr Neugier in der Schule.“ Joybrato Mukherjee setzte sich für eine stärkere Verzahnung der Lehrerausbildung und -fortbildung ein, was nach seiner Einschätzung an den Universitäten bislang vernachlässigt worden sei. Besonders sei ihm daran gelegen, mehr junge Frauen für die noch von Männern dominierten naturwissenschaftlichen Forschungsdisziplinen zu gewinnen. „Wir können es uns nicht mehr leisten, die Potenziale einzelner Schüler nicht auszuschöpfen.“ Désirée Derin-Holzapfel von der Vereinigung der Hessischen Unternehmerverbände berichtete von Anstrengungen der Wirtschaft, auch mit lückenhaftem Wissen ausgestattete Schulabgänger und Auszubildende zu fördern. „Wir Unternehmen verstehen uns als Anschieber von Projekten, die schon in der Schule beginnen müssen. Denn dort wird der Grundstock für die weitere Entwicklung gelegt.“
Welche erkenntnistheoretischen Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftspropädeutisches Arbeiten mit Schülerinnen und Schülern bietet, machte Prof. Dr. Peter Janich von der Philipps-Universität Marburg in seinem anschließenden Vortrag „Überflieger und Fußgänger? Wenn die Wissenschaft der Wissenschaftler an die Schule geht“ deutlich. Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker führte aus, dass die Gegenstände der Wissenschaft nicht auf rein theoretischen Überlegungen beruhen, sondern durch menschliches Handeln zustande kommen. Nach seiner Auslegung müsse Wissenschaft als Fortführung von praktischen Prozessen der Alltagswelt verstanden und daraufhin systematisch und methodisch hinterfragt werden, ob sie diese fördert.

Vom Tiefsinn des methodischen Kulturalismus ging es gegen Ende des ersten Tagungstages dann noch einmal in die abwechslungsreiche Vielfalt der Gießener Förderprojekte. In der räumlich angrenzenden Liebig-Schule stand ein „wissenschaftliches Speed-Dating“ auf dem Programm. Alle Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer hatten die einmalige Gelegenheit, in halbstündigem Rhythmus Gießener Jungforscher, ihre Projekte und das Ergebnis ihrer Forschungsbemühungen aus erster Hand kennenzulernen. In zahlreichen Kurzvorträgen, Posterpräsentationen und Experimenten bot sich den Besuchern ein ungemein kompetenter und engagierter Blick in die Möglichkeiten wissenschaftsnahen Arbeitens von Schülerinnen und Schülern.
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„Einfach nur zum Gähnen“: Der erste Programmpunkt am Folgetag war weniger dem frühen Veranstaltungsbeginn geschuldet, sondern bot einen faszinierenden Blick in ein bisher wenig beachtetes  Forschungsfeld. In seinem Beitrag berichtete der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Thomas Götz, Universität Konstanz, von seiner Forschungsarbeit, in der er das Phänomen „Langeweile“ im Klassenzimmer untersucht. „Langeweile ist die einzige Emotion, die schwächer wird, wenn man die Wichtigkeit dessen betont, was man vermittelt. Besonders ist auch: Langeweile wird als ganz nüchterne Emotion erlebt und nicht so schlimm wie beispielsweise Angst, gegen die man etwas unternimmt. Langeweile hingegen wird ertragen. Natürlich kann Langeweile auch positiv, erholsam sein, zu kreativen Prozessen führen. Aber nicht in der Schule.” In einer Umfrage hatten Schülerinnen und Schüler beschrieben, worin aus ihrer Sicht Langeweile besteht und welche Bedeutung sie für das eigene Befinden hat. Die Ergebnisse von Götz zeigen: Langeweile entwickelt sich von einer eher indifferenten, mitunter auch kreativen Stimmungslage über ein nach neuen Beschäftigungen suchendes Stadium bis hin zu einer reaktanten Phase, die Aggression hervorbringt und sich am Ende sogar in eine apathische und äußerst leistungsschädliche Befindlichkeit steigern kann.
Eingebettet zwischen die Forscher-Foren am Vor- und Nachmittag mit ihren zahlreichen Workshops und Präsentationen von Praxisbeispielen diskutierten Dr. Florian Leydecker von der Universität Hannover, Cigdem Uzunoglu von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft, Esther Rauhut vom Gymnasium Sankt Adelheid in Bonn und Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher vom Gießener Mathematikum zusammen mit dem WDR-Journalisten Joachim Hecker, welche Vorstellungen Kinder und Jugendliche von Wissenschaft, Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen haben. Einig war man sich schnell, dass die schwache Nachfrage nach den MINT-Fächern auch mit fehlenden Vorbildern zu tun habe und gerade bei der Mobilisierung von Mädchen und jungen Frauen größere Anstrengungen zu unternehmen seien. Noch immer verbänden Schülerinnen und Schüler mit den MINT-Fächern einen Unterricht, der sich theoretisch und abstrakt mit Formeln und Zahlen beschäftige. Zu wenig werde ihnen der unmittelbare und spannende Bezug zur Lebens- und Arbeitswelt deutlich. Als einen der möglichen Auswege gab Cigdem Uzunoglu Einblick in das Förderprogramm MINToring der Stiftung der Deutschen Wirtschaft, das Schülerinnen und Schüler vom vorletzten Schuljahr der Sekundarstufe II bis zum Ende des zweiten Hochschulsemesters mit großem Erfolg Studierende als Berater, Unterstützer und „Role Models“ an die Seite stellt.
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Dr. Gerd Hanekamp, Leiter Programme bei der Deutsche Telekom Stiftung, gab sich nach der zweitägigen Veranstaltung in seinem Schlusswort besonders zufrieden mit der fachlichen Qualität und dem hohen Niveau der  Debatten in den von den Netzwerken maßgeblich mit gestalteten Workshops und Präsentationen von Praxisbeispielen. „Wir wollen mehr anbieten, als eine vom Organisator verordnete Fachveranstaltung. Wir wollen einen regelmäßig in der Stadt der jungen Forscher stattfindenden Gipfel und Branchentreff der Netzwerke. Der von uns gewählte Weg, über einen „Call for Sessions“ am Programm mitzuwirken, hat sich aus unserer Sicht bestens bewährt. Vielen Dank für Ihre rege Beteiligung.“ Schluss war am Samstagnachmittag in Gießen für viele Tagungsteilnehmer und -teilnehmerinnen noch lange nicht. Bereits am Abend ging es mit einem Empfang und beeindruckendem Rahmenprogramm mit fliegendem mathematischen Körpern und im Rhythmus zur Musik tanzenden Feuerwellen im Mathematikum weiter, zu dem Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher und Team eingeladen hatten. Wer zu später Abendstunde dann noch nicht genug hatte, konnte sich schon auf das Festival junger Forscher gemeinsam mit weiteren 25.000 interessierten Besuchern am Folgetag freuen. Wir treffen uns im nächsten Jahr sicher wieder. Dann in Kiel, der Stadt der jungen Forscher 2011!