Foto: David Ausserhofer
Keine Angst vor Wissenschaft!
„Keine Angst vor Wissenschaft!”, unter diesem Motto diskutierten am 12. und 13. Juni 2009 in Göttingen, der Stadt der jungen Forscher 2009, rund 120 Projektmacher aus Schule, Hochschule, Unternehmen und Behörden, wie man Schülerinnen und Schüler für wissenschaftliche Themen und Methoden begeistern kann. „Der Weg von der Schule in die Hochschule scheint mir in Göttingen besonders kurz“, so Dr. Lothar Dittmer, Mitglied im Vorstand der Körber-Stiftung, in seiner Begrüßung der Tagungsteilnehmer in der Paulinerkirche, wo sich Experten aus Schule und Hochschule, Behörden und Stiftungen zwei Tage mit der Frage beschäftigten, wie man Schülerinnen und Schüler für wissenschaftliche Themen und Methoden begeistern kann. Währenddessen gaben die ersten Antworten auf diese Frage bereits Göttinger Projektakteure und Wissenschaftseinrichtungen, die sich auf dem Festival präsentierten. Alte und junge Besucher des Festivals betrachteten staunend die Exponate von Schul-Wissenschafts-Projekten oder untersuchten in kleinen Experimenten naturwissenschaftliche Phänomene – mit viel Spaß und Begeisterung an der Sache.
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Der Umstand, dass Schule und Hochschule in Göttingen viele gemeinsame Projekte durchführen, dass es besonders hervorragende Wissenschaftsangebote für Göttinger Kinder und Jugendliche gibt und sich auch die Stadt Göttingen sehr in diesem Bereich engagiert, hatte die Körber-Stiftung, die Robert Bosch Stiftung und die Deutsche Telekom Stiftung im vergangenen Jahr dazu bewogen, der Stadt Göttingen den Titel „Stadt der jungen Forscher 2009“ zu verleihen. Verbunden mit dem Titel war ein Preisgeld von 65.000 Euro, das für die Organisation des Festivals und für neue regionale Projekte verwendet werden musste. „Die drei heute beteiligten Stiftungen – Bosch, Telekom und Körber – arbeiten seit vielen Jahren mit eigenen Projekten an der Schnittstelle zwischen Bildung und Wissenschaft – und sie möchten mit dieser gemeinsamen Initiative eine Plattform schaffen für Akteure, die interessiert sind, über ihre eigenen Projekte hinaus in einem Netzwerk Erfahrungen und Erkenntnisse auszutauschen“, so Dittmer.
Eines der Göttinger Erfolgsmodelle stellte im Anschluss Dr. Eva-Maria Neher, Leiterin des bundesweit größten Schülerlabors XLAB vor. „Wir wollen genau das machen, was an Schulen nicht möglich ist, und den Unterricht durch das Experimentieren ergänzen, nicht ersetzen.“ Gerade bei interdisziplinären Themen seien Experimente notwendig, die in Schulen kaum oder gar nicht realisierbar seien. Neher warb in ihrem Beitrag intensiv dafür, dass Schülerlabore sich auch an der Lehreraus- und -fortbildung beteiligen sollten. Da die Lehrerfortbildung Aufgabe der Kultusministerien sei, hätten Lehrer in der Regel gar keinen Kontakt mehr zu den wissenschaftlichen Einrichtungen, was Neher als Manko beklagte. Die Leiterin des XLAB hat in ihrer eigenen Einrichtung darauf bereits reagiert: Neben den Angeboten für Schülerinnen und Schüler stehen auch Kurse und Fortbildungen für Lehrkräfte aus der Schule sowie für Studierende in den ersten Semestern auf dem Programm.
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In der anschließenden Gesprächsrunde mit den drei Stiftungen standen die Motive und Ziele der Initiative „Stadt der jungen Forscher“ im Mittelpunkt. Kate Maleike, beim Deutschlandfunk zuständig für die Magazine „Campus & Karriere“ und „PISAplus“, moderierte während der Tagung, so auch dieses Gespräch mit Dr. Lothar Dittmer, Mitglied im Vorstand der Körber-Stiftung, Dr. Ingrid Wünning Tschol, Leiterin des Bereichs Wissenschaft und Forschung bei der Robert Bosch Stiftung, und Dr. Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung sowie Dr. Eva-Maria Neher vom XLAB. Wichtig war allen Stiftungsvertretern, mit ihren Initiativen sowohl Spitzen- als auch Breitenförderung zu betreiben, allerdings: „Das was wir machen, kann immer nur Modellcharakter haben, das muss dann in die Lehrerfortbildung hineingetragen werden“, so Dr. Lothar Dittmer. Auf die Frage von Kate Maleike, ob Schule und Labor nicht im gewissen Sinne Parallelwelten darstellten, wies Dr. Ekkehard Winter zum einen auf die bereits vorhandenen Lehrerfortbildungsangebote einer Reihe von Schülerlaboren hin und äußerte mit Blick auf die Ganztagsschule die Hoffnung, dass hier Freiräume für alternative Lernformen entstünden, die vielleicht für die Halbtagsschule etwas zeitaufwändig seien.
Drei Klangcollagen vermittelten während des Nachmittags sehr sinnliche Eindrücke von den in Göttingen neu angestoßenen Schülerprojekten. Zum Beispiel das Projekt „Wie beeinflusst Plasma das Klangverhalten von Musikinstrumenten?“, bei dem Schüler des Otto-Hahn-Gymnasiums Göttingen mit dem Laser-Laboratorium Göttingen gemeinsam untersuchen, welche klanglichen Veränderungen bei plasmabehandelten Musikinstrumenten hörbar werden. „Man kann eigene Ideen einbringen und ich hoffe, dass wir was herausfinden, was vorher noch keiner herausgefunden hat“, so eine Teilnehmerin über ihre Motivation, bei dem Schul-Wissenschafts-Projekt mitzumachen. In seinem Vortrag machte Prof. Dr. Detlev Leutner von der Universität Duisburg-Essen deutlich, dass die Motivation von Schülerinnen und Schülern beim entdeckenden, problemorientierten, forschenden Lernen außerordentlich hoch sei, sie seien emotional stark beteiligt. Um allerdings etwas zu lernen, müssten bei diesen Lernformen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein: Die Lehrkraft müsse vor allem lenkend eingreifen und situationsgerecht notwendiges Wissen bereit stellen.
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Im anschließenden Podiumsgespräch diskutierten Prof. Dr. Kurt von Figura, Präsident der Georg-August-Universität Göttingen, Lutz Stratmann, Wissenschaftsminister im Land Niedersachsen, Rita Engels, Schulleiterin des Otto-Hahn-Gymnasiums, Nelson Killius, McKinsey Company München, und Prof. Dr. Detlev Leutner die Chancen und Wirkungen von entdeckenden und forschenden Lernformen. „Wichtig ist dabei, dass die Schüler etwas machen, was mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun hat; Theorie und Praxis können miteinander verbunden werden und sie bekommen eine berufliche Orientierung“, so Rita Engels. „Außerschulische Lernorte sollen das machen, was Schulen nicht können. Aber wir dürfen die Schulen nicht vernachlässigen zugunsten der außerschulischen Lernorte“, so die Schulleiterin.
Stratmann warnte davor, nur auf „Show-Effekte“ zu zielen, die Schüler müssten ernst genommen und längerfristig begleitet werden, so der Minister. Figura dankte in diesem Kontext den Lehrerinnen und Lehrern, die sich im Rahmen auch solcher Projekte über das übliche Maß hinaus für ihre Schüler einsetzten, für gewöhnlich für „Lust und Liebe“: „Wir müssen mit dabei helfen, dass das Bildungspotential ausgeschöpft wird“, so der Uni-Präsident. „Universitäten ohne Studenten wird es nicht geben“, mit diesen Worten plädierte der Präsident nachdrücklich für eine intensive Nachwuchsförderung.
Im Anschluss entwickelte sich eine Debatte um die selbstständige Schule. Killius sprach sich stark dafür aus, den Schulen die Entscheidungen etwa bei der Einstellung von Lehrkräften – benötigen sie einen Pädagogen oder eine Fachwissenschaftlerin?! – frei zu stellen. Stratmann zeigte sich distanziert und kritisierte die Lernhaltung vieler Lehrer: „Die selbstständige Schule setzt voraus, dass ich es mit handelnden Akteuren zu tun habe. Lehrer zeigen sich allerdings ziemlich fortbildungsresistent.“ – Ein Vorwurf, der bei den teilnehmenden Lehrern auf der Tagung sicher falsch adressiert war. Der Minister will aber die berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung in den Fokus rücken: „Da muss man auch mal den Mut haben, Unangenehmes auszusprechen!“ Am Ende des Gesprächs forderte Kate Maleike die Teilnehmer des Podiums auf, etwas auf den bildungspolitischen „Wunschzettel“ zu setzen. Killius: „Ich wünsche mir statt einer Politik der 1.000 Blumen eine Blumenwiese. Und ich wünsche mir auch mehr Geld – 45 Milliarden Euro für Bildung in Deutschland. Und dann müssen wir das Geld auch noch intelligent ausgeben!“ Leutner: „Ich wünsche mir Begleitforschung, um die Frage der Wirksamkeit nachzuprüfen.“ Stratmann: „Ich wünsche mir eine Fortsetzung der heutigen Entwicklung – Stichwort Bildungsengagement, Festival, Wissenschaftszug…“. Figura: „Ich wünsche mir, dass sich die Universität Göttingen in Begleitforschung einen Namen macht und ich wünsche mir ein offenes Ohr in Ministerien und im Parlament.“ Engels: „Wir brauchen eine echte Eigenverantwortung für Schule und wir brauchen Ressourcen für die Zusammenarbeit.“
Im Anschluss entwickelte sich eine Debatte um die selbstständige Schule. Killius sprach sich stark dafür aus, den Schulen die Entscheidungen etwa bei der Einstellung von Lehrkräften – benötigen sie einen Pädagogen oder eine Fachwissenschaftlerin?! – frei zu stellen. Stratmann zeigte sich distanziert und kritisierte die Lernhaltung vieler Lehrer: „Die selbstständige Schule setzt voraus, dass ich es mit handelnden Akteuren zu tun habe. Lehrer zeigen sich allerdings ziemlich fortbildungsresistent.“ – Ein Vorwurf, der bei den teilnehmenden Lehrern auf der Tagung sicher falsch adressiert war. Der Minister will aber die berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung in den Fokus rücken: „Da muss man auch mal den Mut haben, Unangenehmes auszusprechen!“ Am Ende des Gesprächs forderte Kate Maleike die Teilnehmer des Podiums auf, etwas auf den bildungspolitischen „Wunschzettel“ zu setzen. Killius: „Ich wünsche mir statt einer Politik der 1.000 Blumen eine Blumenwiese. Und ich wünsche mir auch mehr Geld – 45 Milliarden Euro für Bildung in Deutschland. Und dann müssen wir das Geld auch noch intelligent ausgeben!“ Leutner: „Ich wünsche mir Begleitforschung, um die Frage der Wirksamkeit nachzuprüfen.“ Stratmann: „Ich wünsche mir eine Fortsetzung der heutigen Entwicklung – Stichwort Bildungsengagement, Festival, Wissenschaftszug…“. Figura: „Ich wünsche mir, dass sich die Universität Göttingen in Begleitforschung einen Namen macht und ich wünsche mir ein offenes Ohr in Ministerien und im Parlament.“ Engels: „Wir brauchen eine echte Eigenverantwortung für Schule und wir brauchen Ressourcen für die Zusammenarbeit.“
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Der nächste Tag startete mit einem spannenden Input von Prof. Dr. Marcus Hasselhorn, der am Deutschen Institut für Pädagogische Forschung in Frankfurt den Arbeitsbereich Bildung und Entwicklung leitet. In seinem Vortrag warf Hasselhorn die Frage nach den individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens auf: Was sind die Grundlagen für ein erfolgreiches Lernen, welche Eigenschaften und Lernkompetenzen bringen erfolgreiche Lerner mit? Dabei ging er auf Aspekte wie Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis, Motivation und Selbstkonzept, Volition und Emotionen, Strategien und Selbstregulation sowie Vorwissen ein. Im Kontext von Vorwissen betonte er die „eigentlich pädagogische Binsenweisheit: Je mehr man zu einem Bereich bereits weiß, desto mehr kann man dazu lernen“. Zentral für ein erfolgreiches Lernen sei vor allem auch das Selbstkonzept bzw. die Selbstbewertung durch die Lernenden: Wenn sich der Eindruck durchgesetzt habe, so Hasselhorn, Anstrengen lohne sich nicht, werde der Lernende keine Strategien einsetzen, schlechte Leistungen seien die Konsequenz und die Wahrscheinlichkeit für Misserfolge werde größer. Bei einer derart ungünstigen Selbstbewertungsbilanz käme es zu einem „misserfolgsorientierten Leistungsmotiv“.
In den anschließenden Parallelveranstaltungen bekamen die Teilnehmer zahlreiche Gelegenheiten, Theorie mit Praxis zu verbinden: Lehrer und Wissenschaftler präsentierten unterschiedlichste Projektbeispiele, in Workshops wurden fachkundige Informationen zu Themen wie Projektevaluation, Kooperation oder Sponsoring vermittelt, in Diskussionsforen Grundsatzfragen aus den Schul-Wissenschafts-Initiativen aufgegriffen. Am Ende des Tages fanden sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch einmal in einer Abschlussrunde zusammen. Sabine Fernau, Geschäftsführerin der Initiative NaT Hamburg, Klaus-Peter Haupt, Lehrer an der Albert-Schweitzer-Schule und Leiter des PhysikClubs Kassel, Ilian Eilmes, Student an der Universität Kassel und ehemals Schüler im PhysikClub, sowie Dr. Gilbert Heß von der Universität Göttingen sprachen über ihre „Erfolgsmodelle und Stolpersteine“ und blickten auf ihren Erkenntnisgewinn durch die Tagung zurück. Besonders wichtig und motivierend beschrieben alle Teilnehmer den Austausch, den Blick über den eigenen Tellerrand, sowohl was die Disziplinen ihrer eigenen Projekte angeht als auch was die bundesweite Zusammensetzung von Referenten und Teilnehmern betrifft. Nach den Hintergründen seines heutigen Physikstudiums gefragt, betonte Ilian Eilmes, wie wichtig es für ihn gewesen sei, einen begeisterungsfähigen Lehrer wie „KP“ gehabt zu haben. Daher sei er jetzt auch selbst Tutor im PhysikClub, was ihm wahnsinnig viel Spaß bereite, immerhin habe er jetzt nicht nur ein Projekt, sondern im Prinzip sieben – so viele betreue er als Tutor.
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Intensiv wurde abschließend die Frage der Verstetigung und Nachhaltigkeit von Projekten diskutiert: Es bedürfe, so Gilbert Heß, z. B. an Hochschulen eines Koordinators für die Schul-Wissenschafts-Projekte, denn die Einzelinitiativen würden immer bloß durch eine Person getragen. Klaus-Peter Haupt berichtete in diesem Zusammenhang von der Genesis seines ForschungsZentrums, in das der von ihm vor sieben Jahren gegründete PhysikClub nun aufgehen wird: „Die Universität ist der Träger. Wenn ich in 12 Jahren in Pension gehe, gibt es das Forschungszentrum immer noch“. Damit das gelingen konnte, mussten alle Beteiligten an einen Tisch gebracht werden: Stadt, Land, Hochschule und Schulamt. Prof. Dr. Kai von Luck von der HAW Hamburg bekräftigte dieses Modell „Runder Tisch“, denn: „Hochschulen können nicht ausschließlich aus der eigenen Tasche Schulprojekte finanzieren, dann bekommen wir ein Legitimationsproblem“. An die Stiftungen wurde schließlich der Wunsch herangetragen, ihren Einfluss geltend zu machen, damit der Staat sich ebenfalls an Schul-Wissenschafts-Projekten beteilige. Matthias Mayer von der Körber-Stiftung erinnerte dazu an einen öffentlichen Auftritt der Ministerin für Bildung und Wissenschaft Schavan, in dem sie gefordert hatte, alle Möglichkeiten auszuschöpfen und an die Schulen und andere Bildungsakteure eine wichtige Devise für die Vernetzung ausgegeben hatte: „Bildet Banden!“ – Die erste Bande ist jedenfalls in Göttingen geknüpft worden. Bis zum Wiedersehen im nächsten Jahr in Gießen!